Architekt DI Günther Domenig war seiner Zeit stets voraus.
1978 wird Architekt DI Günther Domenig als ein österreichischer Architekt mit einem ausgeprägten Hang zu unkonventionellen Formen beschrieben, dessen Bauwerke seine prägnante und eigenständige Handschrift tragen, sich nicht in eine herkömmliche Architekturrichtung eingliedern lassen. Seither sind seinem Beispiel viele gefolgt. Damals hatte er in einem Interview den Wunsch geäußert, bei seiner Vorstellung Architektur zu betreiben mit nicht so vielen Schwierigkeiten konfrontiert zu werden.
RHEINZINK:
Welchen Wunsch haben Sie heute für die Architekturszene?
Architekt DI Günther Domenig:
Denselben; nach wie vor kann man sich nur wünschen, dass die Umsetzung eines Projektes problemlos über die Bühne geht bzw. der/die Bauherren die Kreativität des Architekten unterstützen und zu schätzen wissen.
RHEINZINK:
Als honoriger Architekt im besten Alter werden Sie mit vielen Auszeichnungen bedacht: mit dem goldenen Löwen der Architekturbiennale in Venedig, dem Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst der Stadt Wien, dem Großen Österreichischen Staatspreis für Kunst und vielen Ehren mehr. Heißt dies, dass Sie heute nicht mehr überzeugen müssen?
Architekt DI Günther Domenig:
Doch, man muss immer wieder überzeugen. Am wichtigsten ist jedoch, dass man mit Kreativität überzeugt.
RHEINZINK:
Atmosphäre und ein spezifisches Raumerlebnis sehen Sie als Notwendigkeit, um sich in einem Raum wohl zu fühlen. 1978 sagten Sie: “Die Architektur der kürzesten Wege kann niemals die beste Architektur sein. In solchen Gebäuden braucht man ein rotes Licht oder Bambusstäbe um Atmosphäre zu schaffen.“ Was ist Ihre heutige Sichtweise dazu?
Architekt DI Günther Domenig:
Ich habe nach wie vor diese Einstellung.
RHEINZINK:
Sie sind Künstler und Architekt und Sie sind auch ein einflussreicher Lehrender. Was hat sich an der Grazer TU seit der Zeichensaalrevolution der studentischen 68er Bewegung verändert?
Architekt DI Günther Domenig:
Die Zeichensäle sind ein Muss für Studierende. In meiner Zeit als Lehrender an der TU Graz wurden diese Einrichtungen auch gern und oft genutzt; diese Säle fördern den Wissensaustausch. Nach meiner Emeritierung mussten die Studierenden sogar eine Zeit lang um den Fortbestand der Einrichtungen kämpfen. Was dabei heraus gekommen ist, kann ich leider nicht sagen, da ich diesbezüglich nicht mehr auf dem Laufenden bin.
RHEINZINK:
Heute arbeiten Planende meist mit hochleistungsfähiger Software. Greifen Sie auch in Ihrem Architekturbüro auf diese technische Unterstützung zurück?
Architekt DI Günther Domenig:
JA
RHEINZINK:
Wurde die Mehrzweckhalle der Schulschwestern am Reißbrett gezeichnet?
Architekt DI Günther Domenig:
JA, das Projekt wurde noch mit der Hand gezeichnet – so wie alle meine Projekte auf dem Skizzenblock entworfen wurden. Für mich ist die Handzeichnung unerlässlich!
RHEINZINK:
Bei der Planung der Mehrzweckhalle der Schulschwestern wurden viele Details in der Bauphase gelöst, denn Sie betrachten Bauen als schöpferischen Prozess, das Gebäude als schöpferische Aussage von allen Beteiligten. Welche Wünsche haben Sie heute für eine bauliche Umsetzung?
Architekt DI Günther Domenig:
Wichtig ist der Wille des Bauherrn und seine Kompromissbereitschaft. Gewisse Details können einfach erst während der Bauphase entschieden werden. Das wird sich nie ändern.
RHEINZINK:
Die Mehrzweckhalle der Schulschwestern wird auch manchmal als organische Architektur beschrieben, eine Architektur, deren Form sich aus der Funktion heraus entwickelt, die eine gezielte biologische, psychologische und soziale Wirksamkeit der Architektur anstrebt. Heute wird dieser Ansatz gerne dem Bereich der Bionik zugeordnet. Wie positionieren Sie selber Ihre Architektur?
Architekt DI Günther Domenig:
Positionieren möchte ich meine Architektur nicht. Das Ergebnis ist wichtig und die Tatsache, dass der/die Nutzer mit dem Bauwerk zufrieden sind.
RHEINZINK:
Was ist Ihre Meinung zur Aussage von Nicolas Gomez Davila, der sagt:
„Wenn wir wollen, dass etwas Bestand hat, sorgen wir für Schönheit, nicht für Effizienz“?
Architekt DI Günther Domenig:
Dieser Meinung kann ich mich nicht ganz anschließen. Ich denke, dass Schönheit und Effizienz gekoppelt werden müssen. Denn nicht alles, was schön ist, empfinden die Menschen als erhaltenswert - wenn es allerdings auch seinen Nutzen hat, dann denkt man über den Fortbestand schon eher nach.